Beschlüsse
Beschlüsse der GMK 16.06.2021
TOP: 6.1 Zukunft gestalten – die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Kontext der Corona-Pandemie
Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder nehmen die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ganz besonders in den Blick. Sie erkennen an, dass die Gestaltung der gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen besonderer Anstrengungen bedarf und betonen den gewichtigen Stellenwert, den die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen für die gesamte Gesellschaft hat. Insbesondere werden die Anstrengungen des Bundes und der Länder zur Aufrechterhaltung des Betriebs von Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen durch Hygienepläne, Impf- und Testangebote begrüßt, da geschlossene Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen, ausgesetzte Präsenzpflicht bzw. Distanzunterricht in Schulen über einen längeren Zeitraum negative Folgen für die Bildungsbiographien und die soziale Teilhabe der Kinder und Jugendlichen haben können. Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder halten es für erforderlich, dass aufgrund der Corona-Pandemie zentrale Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen noch stärker beachtet werden.
Vor diesem Hintergrund fassen sie folgenden Beschluss:
Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder wollen bei Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Pandemie stets deren Auswirkungen auf das körperliche, psychische und geistige Wohl von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen. Insbesondere die notwendigen Beschränkungen des öffentlichen Lebens mit Schließung von Kindertagesstätten und Schulen und die Reduktion privater Kontakte haben vielfältige Auswirkungen auf das Alltagsleben, das gemeinsame Spielen, das Nahrungs-, Drogen- und Medien-Konsumverhalten die sozialen Bindungen, die Möglichkeiten zu sportlicher Betätigung und damit auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen
Deshalb bitten die für Gesundheit zuständigen Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren der Länder das Bundesministerium für Gesundheit folgende kurzfristige Schritte einzuleiten:
a. Maßnahmen gemeinsam mit dem BMI, dem BMAS, dem BMEL, dem BMBF und mit externen Sachverständigen wie dem Deutschen Sportbund, den Akteuren im Bildungsbereich (Schule und Kita) sowie der Kinder- und Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit zur Bewegungs-und Ernährungsförderung für Kinder und Jugendliche unter (partiellen) Lockdown-Bedingungen neu zu entwickeln und die Ergebnisse allen Bundesländern zur Verfügung zu stellen.
b. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit einer zielgruppenspezifischen Öffentlichkeitskampagne zur Sensibilisierung, Bewusstseinsbildung für das Thema Bewegung, Ernährung und psychische Belastung in der Pandemie zu beauftragen und entsprechende Angebote online zur Verfügung zu stellen.
c. Den Kooperationsverbund zur Weiterentwicklung des nationalen Gesundheitszieleprozesses gesundheitsziele.de zu bitten, die Gesundheitsziele „Rund um die Geburt“ sowie „Gesund aufwachsen“ auf Möglichkeiten spezifischer Maßnahmen zur Kompensation von Pandemiefolgen für Kinder und Jugendliche zu prüfen und ggf. um diese zu erweitern sowie auf vorhandene Ressourcen und deren mögliche Vernetzung zu prüfen.
d. Die gesetzlichen Krankenkassen und andere Sozialleistungsträger aufzufordern zu prüfen, ob ambulante und stationäre Angebote für besonders belastete Familien niedrigschwellig und aufsuchend angeboten werden können. Dazu zählen die medizinischen Versorgungs-und Rehabilitationseinrichtungen im Mutter/Vater-Kind-Bereich wie zum Beispiel Eltern-Kind-Kuren, aber auch Angebote der ambulanten Unterstützung wie Telefon-Hotlines.
e. Den Nationalen Aktionsplan IN FORM unter Berücksichtigung und Einbindung der bestehenden Strukturen um Maßnahmen zur alters- und situationsgerechten Ernährungsbildung für Kinder und Jugendliche in Zeiten der Corona-Pandemie zu erweitern, um die Ernährungskompetenz von Eltern, Kindern und Jugendlichen sowie die gesundheitliche Chancengleichheit bzw. Chancengerechtigkeit zu fördern.
f. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) aufzufordern, fortlaufend über den Kenntnisstand der Impfstoffforschung zu SARS-CoV-2-Impfstoffen für Kinder zu berichten.
g. Das Robert Koch-Institut aufzufordern, unter Einbindung der Ständigen Impfkommission (STIKO) auch weiterhin zu untersuchen, inwieweit und unter welchen Umständen eine Impfung gegen SARS-CoV-2 für Kinder sinnvoll ist und empfohlen werden kann.
Die für Gesundheit zuständigen Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren der Länder bitten die Bundesregierung, die Digitalisierung zur Stärkung von Angeboten zu Sport und Bewegung für Kinder und Jugendliche unter (partiellen) Lockdown-Bedingungen zu nutzen und eine Bestandserhebung der Bewegungsfreundlichkeit der Wohnumgebung von Kindern sowie eine Bedarfsanalyse zur bewegungsfreundlichen Wohnumfeldgestaltung in Auftrag zu geben. Die Ergebnisse sollen in einem „Walkability-Atlas“ allgemein verfügbar gemacht werden.
Sie bitten die Jugend-und Familienministerkonferenz (JFMK) um ihre Unterstützung bei der Entwicklung gemeinsamer Modellvorhaben, welche die Umsetzung der Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Kinder psychisch suchtkranker Eltern“ zum Ziel haben.
Sie bitten die Träger der Nationalen Präventionskonferenz (NPK), bei der Gestaltung präventiver Angebote die spezifischen Belange von Kindern psychisch- und/ oder suchtkranker Eltern zu berücksichtigen.
2. Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder sehen darüber hinaus die Notwendigkeit, langfristig Maßnahmen zu erarbeiten, die geeignet sind, den schädlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische und physische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Dabei ist einerseits zu analysieren, welche Risiken für die Gesundheit, unter Berücksichtigung von resilienzfördernden Faktoren, von Kindern und Jugendlichen durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie verursacht wurden. Sodann sind Maßnahmen in die Wege zu leiten, die diesen Risiken entgegenwirken. Andererseits sind aus diesem Erkenntnisgewinn Schlüsse dahingehend zu ziehen, wie die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig auch künftig und unter etwaig erneut auftretenden Pandemiebedingungen geschützt und gefördert werden kann.
Um diese komplexen Erkenntnisse zu gewinnen und hieraus nachhaltige Maßnahmen abzuleiten, bitten die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder das BMG um seine Unterstützung bei ihrer Bitte an den Bundestag, eine Enquete-Kommission einzurichten.
Die Enquete-Kommission soll insbesondere folgende Schwerpunkte bearbeiten:
a. Erstellung eines Berichts, der den aktuellen Kenntnisstand zu den resilienzfördernden Faktoren sowie den gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie zusammenfasst, einschließlich einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Spät- und Langzeitfolgen einer COVID-19-Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Bei der Erstellung des Berichts sollen die Daten von Kindern und Jugendlichen aus allen Ländern zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die psychische und physische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen analysiert werden. Es soll interdisziplinär und multiprofessionell vorgegangen werden.
b. Intensivierung der Forschung zu coronabedingten Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, insbesondere zu Fehlernährung und Bewegungsmangel, Evaluation der Wirksamkeit pandemiebegleitender Präventionsmaßnahmen und gegebenenfalls Einrichtung ergänzender und weiterführender Studien.
c. Auf Basis der gefundenen Erkenntnisse, Erarbeitung von Maßnahme-Vorschlägen an die Bundesregierung zur Sicherung oder Förderung der physischen und/oder psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.
d. Sicherstellung einer langfristigen und systematischen Beobachtung und wissenschaftliche Aufarbeitung der kurz-, mittel- und langfristigen Folgen der Corona-Pandemie auf die somatische und psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen, gegebenenfalls unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Forschungsinstitute
Folgende Themenbereiche sind für Punkt 1 und 2 besonders in den Fokus zu rücken.
- Impfen in der Corona-Pandemie
Die GMK fordert alle Akteure im Gesundheitswesen auf, im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Impfmotivation in der Bevölkerung zu stärken und darauf hinzuwirken, dass trotz Pandemie die Impftermine nach STIKO-Impfkalender unbedingt wahrgenommen werden.
Wegen der regional z. T. sehr unterschiedlichen Impfquoten, aber auch regional unterschiedlichen Impfhindernissen, unterstützen die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder zusätzlich die Initiative der BZgA unter Ärztinnen und Ärzten und weiteren Multiplikatoren, wie z. B. Hebammen sowie Lehrerinnen und Lehrern, den Impfgedanken zu verbreiten. Ergänzend sollten Möglichkeiten der aufsuchenden Beratung/Erinnerung über Schulen (Auffrischimpfungen im Jugendalter) und direkte Impfangebote in Schulen, auch durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst, umgesetzt werden. Bereits bestehende Aktivitäten in den Ländern können als Vorbild dienen.
Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder sehen in diesem Zusammenhang nicht nur den individuellen Nutzen einer Impfung gegen SARS-CoV-2 für Kinder, sondern auch, dass diese dazu beitragen könnte, das Lebensumfeld von Kindern zu normalisieren.
Wo immer möglich und geboten, bittet die GMK die JFMK um Unterstützung der Maßnahmen zur Sicherstellung der Kinder- und Jugendgesundheit vor dem Hintergrund pandemiebedingter Maßnahmen.
- Psychische Belastung in der Corona-Pandemie
Die für Gesundheit zuständigen Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren der Länder betonen weiter die Bedeutung des Schutzes und der Förderung der psychischen Gesundheit sowie der Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen im Zuge der besonderen Belastungen durch die Corona-Pandemie.
Sie beobachten mit Sorge, dass die Herausforderungen der Pandemie Lebensqualität und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verringern und das Risiko für psychische Auffälligkeiten erhöhen, wobei sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund als besonders gefährdet gelten.
Der mögliche Anstieg der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche, insbesondere der teilweise erschwerte Zugang zu Hilfeangeboten sind sehr ernst zu nehmen.
Unter Einbeziehung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse plädieren sie dafür, dass Krisenhilfe, Präventionsangebote und zielgruppenspezifische, niederschwellige psychosoziale Hilfen für betroffene Kinder und Jugendlichen und für deren Familien im Sinne eines „Mental health in all policies“- Ansatzes erweitert und in bereits bestehende Hilfenetzwerke integriert werden. Hierbei sollen auch die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe in den Blick genommen werden.
Dabei sind die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Bildungsbereiches mit denen des psychosozialen Hilfe- und Versorgungssystems abzustimmen und passgenaue Hilfen zu entwickeln.
Sie plädieren darüber hinaus dafür, unter Einbeziehung gewonnener Erkenntnisse, vor allem bestehende ambulante und aufsuchende Angebote zu stärken und auszubauen, um ganzjährig, niederschwellig und vor Ort Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien bedarfsgerecht zu unterstützen. Sie plädieren weiterhin dafür, bestehende stationäre Angebote für Mutter-Kind-Maßnahmen bzw. Vater-Kind-Maßnahmen in Vorsorge und Rehabilitation (vgl. §§ 24, 41 SGB V) sicherzustellen, zu stärken, weiter auszubauen und dabei auch kombinierte Mutter- bzw. Vater-Kind-Behandlungen zu berücksichtigen.
Die am Kinder- und Jugendgesundheitsschutz beteiligten Stellen des ÖGD können bei ausreichenden Ressourcen hier einen Beitrag leisten. Unter Nutzung von Finanzmitteln aus dem Pakt für den ÖGD können hierfür bedarfsabhängig zusätzliche personelle Ressourcen geschaffen werden, um die GMK-Beschlüsse zugunsten der Kinder- und Jugendgesundheit und eine gesamtstrategische Ausrichtung zu erreichen.
- Ernährung und Bewegungsverhalten in der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie und Lockdown-Maßnahmen haben das gesamte gesellschaftliche Leben in Deutschland verändert. Durch die damit auch verbundenen Veränderungen im Ernährungs- und Bewegungsverhalten von Kindern kann das Risiko für Fehlernährung und Inaktivität und damit die Entstehung von Adipositas steigen. Dies kann langfristig die Gesundheit der jüngeren Generation beeinträchtigen. Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder bekräftigen die Bedeutung von gesunder Ernährung und ausreichend Sport und Bewegung im Rahmen der Kinder- und Jugendgesundheit und sprechen sich dafür aus, möglichen negativen Tendenzen frühzeitig entgegenzuwirken.
